Kurzfilmfestival Köln / KFFK N°10 2016

Menu Close Menu

ERSTER JURYPREIS: TEENLAND

von Marie Grathø Sørensen

Grell kommt dieser Film daher, entführt uns in eine in sich abgeschlossene Welt von pinken Kaugummis und Anstaltskitteln. Eindringlich spielen die beiden Schauspielerinnen ihre Figuren der namenlosen Insassin 888 und der weiblich- jugendlichen Version eines Tyler Durden, die zwischen verschüchterter Unsicherheit und rebellischer Anarchie in einem fulminanten Orgasmus die Anstaltswelt im wahrsten Sinne des Wortes aus den Fugen heben.

In „Teenland“ herrscht Teenangst und man ist erleichtert, dass es nicht alles nur ein aufregender Traum war, sondern Licht am Ende des Tunnels ist, bzw. ein pinkes Kaugummi in den blonden Haaren klebt. Wir gratulieren zu soviel Genre und eigener Handschrift gepaart mit technischer Präzision von Marie Grathø Sørensen und freuen uns auf ihre nächsten Filme.

Der erste Preis besteht in einer Bar-Prämie in Höhe von 2.400,- EUR, gestiftet von 2Pilots, btf, Thevissen Filmproduktion und Zeitsprung.

ZWEITER JURYPREIS: MOON BLINK

von Rainer Kohlberger

„Moon Blink“ ist ein Experimentalfilm, der uns auf Anhieb überzeugt hat.
Rainer Kohlberger macht ein Video ohne Kamera: Anhand von digitalen Algorithmen und mathematischen Formeln schafft er eine Abfolge von Bild und Ton, die keine offensichtliche Geschichte, aber eine klare Dramaturgie verfolgt.

Wir folgen einer Metamorphose: Zunächst sehen wir schwarz-weiße Balken, die sperrig und monoton über die Bildoberfläche huschen. Aus Balken werden feinere Linien. Die Übergänge verlaufen fließend: aus Linien werden Wellen, aus Wellen entstehen neue Formen, die wiederum neue Farben und sich zuspitzende Eindrücke gebären, um schließlich in einer Katharsis zu münden. Katharsis deswegen, weil es dem Film zuvor gelingt, einen abstrakten Spannungsbogen aufzubauen. Unterstützt durch eine eindringliche tonale Ebene, schafft es der Film, einen sofortigen Sog zu entwickeln.

Wir haben uns für „Moon Blink“ entschieden, weil wir ihn auch als einen Appell ans Loslassen verstehen. Sich auf diesen Film einzulassen bedeutet auch, sich auf eine 10- minütige Reise ins Ungewisse zu begeben: Sinnlich. Intuitiv. Existentiell.

Hut ab: „Moon Blink“ ist großes, digitales Kino.

Der zweite Preis besteht in einer Bar-Prämie in Höhe von 750,- EUR, gestiftet von Jameson Irish Whiskey.

DRITTER JURYPREIS: UNWANTED DESIRES

von Aleksandra Szmida

Viele Dinge spielen sich nur in unseren Köpfen ab. Wie viele das eigentlich sind wird einem klar, wenn man „Unwanted Desires“ anschaut. In klarem zeichnerischen Stil zeigt Aleksandra Szmida kurze Szenen, die direkt aus dem Leben gegriffen scheinen, jedoch eigentlich von der Beta-Version, der verbesserungswürdigen Version des Lebens handeln: Gedankenspiele, kleine Ticks, unhöfliche Gesten zeigt sie dort – Handlungen, die man sich aus moralischen Gründen oder Anständigkeit verkneift. Aleksandra Szmida selbst beschreibt den Film als ihr „persönliches Tagebuch“, eine Sammlung von Momenten, die nur in ihrem Kopf existieren.

Der Film löst ein sofortiges Gefühl der Wiedererkennung aus, zeigt Situationen die universell sind und jedem vertraut. Er handelt vom gedanklichen Experiment und von der Aufrichtigkeit einer Situation und sich selbst gegenüber.

Bemerkenswert an diesem 4-Minüter sind auch die Kompaktheit und das Timing mit denen er umgesetzt worden ist.

„Unwanted Desires“ bereitet sehr viel Freude und bringt das Phänomen des unangemessenen Verhaltens mit viel Menschlichkeit auf den Punkt. Mehr davon!

Der dritte Preis besteht in einer Sachprämie: Ein Tag Color Grading gestiftet von WeFadeToGrey.

LOBENDE ERWÄHNUNG: SYMBOLIC THREATS

von Mischa Leinkauf, Lutz Henke und Matthias Wermke

Die Jury möchte den außerordentlichen Mut hervorheben, mit dem Mischa Leinkauf, Lutz Henke und Matthias Wermke ihrer Arbeit nachgegangen sind.

Die Brooklyn Bridge in New York – ein Teil amerikanischer Nationalstolz:

Die Filmemacher klettern in einer Nacht und Nebel Aktion auf die Brücke und ersetzen zwei amerikanische Flaggen mit zwei einfachen, weißen Fahnen. Es dauert einen halben Tag, bis es jemand bemerkt. Doch dann folgt Großes: in den darauf folgenden Tagen gibt es weltweite Reaktionen, die den Symbolcharakter der zwei weißen Fahnen hinterfragen. Die Spekulationen reichen von einem einfachen Kunstprojekt bis hin zu terroristischen Intentionen. Die Behörden reden in jedem Interview von „Tätern“ und davon, dass man sie fassen werde. Die gesamte Staatssicherheit wird hinterfragt.

Mit ihrem Film entlarven die Filmemacher nicht nur die Paranoia einer zutiefst verunsicherten amerikanischen Gesellschaft. Sie schaffen es auch, eine klare künstlerische Haltung zu bewahren – kein Kommentar. Kein Urteil. Zwei weiße Fahnen. Und sehr viel Mut.

Wir sind beeindruckt.

choices-PUBLIKUMSPREIS: ALIENATION

von Laura Lehmus

Im Deutschen Wettbewerb bestimmte das Publikum per Wahlzettel AlieNation von Laura Lehmus als Gewinner des choices-Publikumspreises, einer Geldprämie in Höhe von 500,- EUR, gestiftet vom Stadtmagazin choices.

WDR PREIS: ALIENATION

von Laura Lehmus

"Der WDR-Preis für den besten Kurzfilm des Kurzfilmfestivals Köln geht an AlieNation von Laura Lehmus. Für den Film wurden Interviewausschnitte von Jugendlichen in der Pubertät in sehr unterschiedlicher Weise animiert. In der Vielfalt der Animationen liegt ein besonderer Reiz des ausgezeichneten Films. Laura Lehmus pubertierende Jugendliche haben nur ein Auge oder sie sind vieräugig, sie sind violett oder grün. Die zunächst in der Befragung aufgezeichneten, dann animierten Interviewausschnitte entwerfen ein Panorama des ganzen Leids der Pubertät. Haare wachsen an Stellen, wo vorher nichts war. Plötzlich fühlt man sich hässlich, wo einem das doch früher egal war. Die Mutter beschimpft man mit richtig schlimmen Worten, nur weil sie einem kein neues Handy kaufen will. Eigentlich klären einen die Schule und das Fernsehen über Sex und Alkohol auf, nicht die Eltern.

Es gelingt Laura Lehmus, dass sich die ganze Wirklichkeit der Pubertät aus den verschiedenen Blickwinkeln in ihrem Film wiederfindet: Jugendliche fühlen sich in ihrer pubertären Andersartigkeit ertappt, Erwachsene erkennen in aller Klarheit die Alienhaftigkeit ihrer Kinder und fühlen sich zugleich an die verwirrende Zerrissenheit ihrer eigenen Pubertät erinnert. Oder wie einer der 'animierten' Jugendlichen sagt „Früher war man halt der Kleine. Jetzt ist man der Große."

Der WDR Preis besteht im Ankauf des Films durch den Westdeutschen Rundfunk (WDR).

PUBLIKUMSPREIS: IN UNS DAS UNIVERSUM

von Lisa Krane

Der Publikumspreis besteht in einer Technikbeistellung im Wert von 1500,- EUR, gestiftet von FinderTV Kameraverleih.

MICHAEL HORBACH PREIS:
UNWANTED DESIRES

von
Aleksandra Szmida
Der Preis besteht in einer Geldprämie von 750,- EUR, gestiftet von der Michael Horbach Stiftung.